Zum Inhalt springen
Swiss Observer

Schweizer Armeechef schlägt wegen kritischer Ausrüstungsverzögerungen Alarm

Armeechef Thomas Süssli zeigt sich besorgt über sieben verspätete Rüstungsbeschaffungen, darunter israelische Drohnen, und warnt vor den Folgen für die Verteidigungsfähigkeit der Schweiz.

Schweizer Armeechef schlägt wegen kritischer Ausrüstungsverzögerungen Alarm
AISWI swissinfo.ch

Der Schutzschild der Schweiz weist Risse auf. Armeechef Thomas Süssli hat ein deutliches Eingeständnis gemacht, das durch die Hallen des Bundeshauses hallt: Die aktuelle Ausrüstung der Armee sei «nicht ausreichend, um glaubwürdig zu zeigen», dass sie die Schweizer Souveränität verteidigen könne. Dabei handelt es sich nicht bloss um ein bürokratisches Problem, sondern um eine direkte Herausforderung des Kernauftrags der Schweizer Armee.

Im Zentrum der Krise stehen sieben kritische Rüstungsbeschaffungen, die ins Stocken geraten sind und eine Fähigkeitslücke entstehen lassen. Süssli beschreibt diese mit ungewohnter Offenheit. Der Armeechef bezeichnet das Risiko zwar derzeit als «akzeptabel», doch der Ton seines Interviews mit der Neuen Zürcher Zeitung deutet auf eine Situation hin, die rasch behoben werden muss. Das Eingeständnis, dass es der Armee schwerfällt, ihre Bereitschaft zur Verteidigung der Landesgrenzen unter Beweis zu stellen, ist ein Weckruf an Politik und Bevölkerung. In einem geopolitischen Klima, in dem Schwäche bestraft wird, kann es sich die Schweiz nicht leisten, dass ihre viel gerühmte Neutralität mit Verwundbarkeit verwechselt wird.

Rückschlag bei der Drohnenbeschaffung

Unter den sieben verspäteten Projekten fällt die Beschaffung israelischer Militärdrohnen als besonders gravierender Engpass auf. Dieser konkrete Beschaffungsrückstand zeigt, wie anfällig die internationalen Lieferketten im Verteidigungsbereich sind. Die Eidgenössische Finanzkontrolle hat die Regierung wegen der mangelhaften Planung bei diesen sechs Drohnen bereits scharf kritisiert. Süssli bestätigt nun ebenfalls, dass sich die Verzögerung auf die Verteidigungsfähigkeit auswirkt.

Es handelt sich nicht um Luxusgüter, sondern um unverzichtbare Augen am Himmel für moderne Kriegsführung und Überwachung. Weil diese Systeme nicht rechtzeitig beschafft werden können, muss das Schweizer Militär mit einem blinden Fleck operieren. Süssli betont, dass die Projekte dazu dienen, «die Verteidigungsfähigkeit der Armee zu stärken». Doch die Lücke zwischen Absicht und Umsetzung wird grösser. Die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten bei kritischer Technologie wie den israelischen Drohnen legt eine strategische Verwundbarkeit offen, die die Beschaffungsstelle nun mit Hochdruck zu bewältigen versucht.

Komplexe Logistik bewältigen

Trotz der Schlagzeilen über die sieben ins Stocken geratenen Vorhaben bietet das Gesamtbild ein gewisses Mass an Stabilität. Süssli weist darauf hin, dass die grosse Mehrheit der rund 200 laufenden Armeeprojekte planmässig verläuft. Die Rückschläge sind jedoch Anzeichen eines grösseren Problems: der enormen Komplexität moderner Militärlogistik. Die Gründe für die Verzögerungen sind vielfältig und reichen von einer unterschätzten Projektkomplexität bis hin zu gravierenden globalen Lieferengpässen.

Die Schwierigkeiten betreffen nicht nur die Beschaffung von Material, sondern auch den Aufbau der für dessen Unterstützung erforderlichen Kriegslogistik. Süssli räumt ein, dass unklar sei, wie lange der Aufbau dieser logistischen Grundlagen dauern werde. Diese Unsicherheit macht die Planung der Armee zusätzlich undurchsichtig. Hohe Anforderungen und angespannte globale Lieferketten bedeuten, dass selbst ein gut finanziertes Schweizer Militär nicht vor den Gegebenheiten des Marktes gefeit ist. Nun gilt es, die 193 erfolgreichen Projekte vor den systemischen Problemen zu schützen, die den sieben kritischen Vorhaben zu schaffen machen.

Die Frist von 2029 rückt näher

Für die Schweizer Luftwaffe wird die Zeit knapp. Ein neues Luftraumüberwachungssystem muss spätestens 2029 voll einsatzfähig sein. Diese Frist ist verbindlich. Für die «vielfältigen» Verzögerungen, die andere Bereiche betreffen, gibt es hier keinen Spielraum. Süssli erklärt, dass das Risiko bis dahin beherrschbar sei, doch der Spielraum für Fehler ist äusserst gering.

Die Luftraumsouveränität ist ein Eckpfeiler der Schweizer Verteidigungsstrategie. Wenn die neuen Systeme in den nächsten vier Jahren nicht einsatzbereit und integriert sind, könnte sich das von Süssli angesprochene «akzeptable Risiko» rasch zu einem kritischen Sicherheitsversagen entwickeln. Nun stehen die Beschaffungsteams unter Druck, komplexe Technologie innerhalb eines starren Zeitplans zu liefern. Je näher das Jahr 2029 rückt, desto genauer wird die Schweizer Bevölkerung verfolgen, ob die Armeeführung ihre Besorgnis rechtzeitig in konkrete Fähigkeiten umsetzen kann.