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Swiss Observer

SVP fordert strengere Sprachanforderungen für die Einbürgerung

Ein neuer politischer Vorstoss der Schweizerischen Volkspartei (SVP/UDC) will die Sprachanforderungen für Bewerberinnen und Bewerber um das Schweizer Bürgerrecht deutlich verschärfen und löst damit eine neue Debatte über Integration und nationale Identität aus.

SVP fordert strengere Sprachanforderungen für die Einbürgerung
AIThe Local Switzerland

Der Weg zum Schweizer Bürgerrecht dürfte deutlich steiniger werden. In einem weitreichenden Schritt, der den Kern der nationalen Identität berührt, hat die Schweizerische Volkspartei (SVP/UDC) einen Vorstoss eingereicht, um die sprachlichen Anforderungen an Bewerberinnen und Bewerber um das Bürgerrecht drastisch zu verschärfen. Die Partei verlangt eine deutliche Anhebung der Sprachniveaus: mündlich soll mindestens B2, schriftlich B1 erreicht werden. Das wäre eine markante Verschärfung gegenüber den heutigen bundesrechtlichen Mindestanforderungen, die für das Sprechen B1 und für das Schreiben lediglich A2 vorsehen.

Dabei handelt es sich nicht um eine geringfügige Anpassung, sondern um eine grundlegende Verschiebung der Messlatte. Gemäss dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen bedeutet der Sprung auf B2 den Übergang von «routinemässiger Kommunikation» zu komplexer, spontaner Sprachgewandtheit. Die SVP argumentiert, die heutigen Anforderungen seien gefährlich niedrig und ermöglichten es Bewerberinnen und Bewerbern, ohne echte sprachliche Selbstständigkeit durchzukommen. Da das politische Verfahren nun in Gang gesetzt ist, müssen sich Tausende einbürgerungswillige Einwohnerinnen und Einwohner auf einen deutlich schwierigeren Weg zum begehrten roten Pass einstellen.

Integration oder Ausgrenzung? Der Streit um B2

Jean-Luc Addor, Nationalrat und treibende Kraft hinter dem Vorstoss, lässt keinen Zweifel: Die Einbürgerung müsse der krönende Abschluss der Integration sein und dürfe kein Trostpreis für die Teilnahme sein. Addor zufolge stellen die Behörden bei Neubürgerinnen und Neubürgern immer wieder besorgniserregende Lücken in den Sprachkenntnissen fest. Die Haltung der SVP ist klar: Wer Schweizerin oder Schweizer werden wolle, müsse wie eine solche Person sprechen. Die Partei argumentiert, dass Bewerberinnen und Bewerber angesichts der vorgeschriebenen Aufenthaltsdauer von zehn Jahren mehr als ein Jahrzehnt Zeit hätten, die Landessprache zu beherrschen.

Die Forderung nach «sprachlicher Selbstständigkeit» wirft jedoch eine entscheidende Frage auf: Was zeichnet eine gut integrierte Bürgerin oder einen gut integrierten Bürger aus? Während die SVP auf höhere Sprachkompetenz auf akademischem Niveau pocht, sieht die Realität vor Ort oft anders aus. Die geltenden Regeln konzentrieren sich darauf, den Alltag bewältigen zu können: mit Nachbarn zu sprechen, sich in der Bürokratie zurechtzufinden und zu arbeiten. Mit der Forderung nach mündlichen B2-Kenntnissen verlangt die SVP faktisch ein Sprachniveau, das fachliche Diskussionen und abstrakte Argumentationen ermöglicht. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt von der praktischen Integration hin zur kulturellen Assimilation.

Kritik an «elitärer» Zugangskontrolle

Der Widerstand gegen den Vorstoss ist heftig und unmittelbar. Nadra Mao von der Initiative für Demokratie kritisiert den Vorschlag als diskriminierende Hürde, die die Arbeiterklasse überproportional treffe. Kritikerinnen und Kritiker argumentieren, dass höhere Anforderungen auf dem Niveau B2/B1 Menschen mit höherer Bildung bevorzugten und hart arbeitende Einwohnerinnen und Einwohner benachteiligten, die zwar in ihrem Beruf und ihrer Gemeinschaft erfolgreich seien, aber mit akademischer Grammatik Mühe hätten.

Die Schweiz ringt bereits mit einer komplexen Sprachlandschaft und dem Ausgleich zwischen vier Landessprachen. Mao weist auf die Ironie hin, dass viele in der Schweiz geborene und aufgewachsene Bürgerinnen und Bürger ausserhalb ihrer eigenen Sprachregion nur über begrenzte Sprachkenntnisse verfügen. Indem die SVP einen Standard durchsetzen will, der über die alltäglichen Anforderungen im Umgang mit Schulen, Arbeitgebern und Behörden hinausgeht, riskiert sie ein Zweiklassensystem. Das Bürgerrecht würde so zum Privileg für akademisch Gebildete statt zum Recht für gut integrierte Menschen. Die Befürchtung ist deutlich: Es geht nicht nur um Sprache, sondern darum, den Zugang zur Schweizer Gesellschaft zu verengen.

Europa überholen: Die Schweiz und ihre Nachbarn

Wird der Vorstoss angenommen, würde die Schweiz ihre europäischen Nachbarländer überholen und einige der strengsten Einbürgerungskriterien des Kontinents einführen. Deutschland, Italien, Österreich und Frankreich verlangen derzeit im Allgemeinen für mündliche und schriftliche Kenntnisse das Niveau B1. Mit der Forderung nach B2 für die mündliche Sprachkompetenz würde die Schweiz eine Sonderstellung einnehmen und ein Sprachniveau verlangen, das über der europäischen Norm liegt.

Während die Nachbarländer sich auf die B1-«Schwelle» konzentrieren, die für ein selbstständiges Leben ausreicht, will die SVP die Hürde in der Schweiz höher legen. Damit würde der Ruf des Landes als eines der Länder mit den weltweit strengsten Einbürgerungsverfahren weiter gefestigt. Während sich das Parlament auf die Debatte über diese umstrittene Frage vorbereitet, ist die Botschaft an potenzielle Neubürgerinnen und Neubürger unmissverständlich: In der Schweiz reicht «gut genug» nicht mehr. Die Definition dessen, was es bedeutet, Schweizerin oder Schweizer zu sein, wird neu geschrieben, und die Tinte trocknet schnell.