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Swiss Observer

Armut im Fokus: Caritas schlägt Alarm, während Genfs Mindestlohn positive Wirkung zeigt

Die Caritas fordert einen erneuten politischen Kampf gegen die Armut in der Schweiz, während viele Familien mit steigenden Kosten zu kämpfen haben. Eine Studie aus Genf zeigt unterdessen, dass der kantonale Mindestlohn einen «substanziellen» und positiven Effekt auf die Einkommen der am schlechtesten bezahlten Arbeitnehmenden hatte, insbesondere auf jene von Frauen.

Armut im Fokus: Caritas schlägt Alarm, während Genfs Mindestlohn positive Wirkung zeigt
AISWI swissinfo.ch

Die Schweiz steht an einem kritischen Wendepunkt und ringt mit einer zweifachen Realität, die sich nicht länger ignorieren lässt. Während das Land ein Bild unerschütterlichen Wohlstands vermittelt, werden die Risse im sozialen Gefüge in alarmierendem Tempo grösser. Diese Woche prallten zwei gegensätzliche Erzählungen aufeinander: der unbestreitbare Erfolg der Genfer Mindestlohnpolitik und eine vernichtende Anklage der nationalen Armutsstrategien durch die Hilfsorganisation Caritas. Der Kontrast ist deutlich und beunruhigend.

Während Familien in den Kantonen mit stark steigenden Krankenkassenprämien und Wohnkosten konfrontiert sind, bezeichnete die Caritas den aktuellen Stand der Armutspolitik als «unhaltbar». Das ist nicht bloss eine Warnung, sondern eine Verurteilung politischer Selbstzufriedenheit. Doch inmitten dieser düsteren Lage bietet Genf einen Hoffnungsschimmer für konkrete Fortschritte. Neue Daten zeigen, dass mutige wirtschaftspolitische Eingriffe wirken, und stellen die Sparmassnahmen infrage, die die Debatte auf Bundesebene prägen. Für die Schweiz lautet die Frage nicht mehr, ob es innerhalb ihrer wohlhabenden Grenzen Armut gibt, sondern ob der politische Wille vorhanden ist, Lösungen zu übernehmen, die sich bereits als wirksam erweisen.

Genfs Mindestlohn-Wagnis zeigt Wirkung

Entgegen den Einwänden von Kritikern und Skeptikern hat Genfs Mindestlohn-Experiment einen bemerkenswerten Erfolg für die arbeitende Bevölkerung gebracht. Eine umfassende Studie der Genfer Hochschule für Wirtschaft und der Universität Genf bestätigt, dass die Massnahme einen «substanziellen» und überwiegend positiven Effekt hatte. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In den zwei Jahren nach der Einführung im Jahr 2020 sank der Anteil der Löhne unterhalb der Mindestlohnschwelle von 7,4 Prozent auf gerade einmal 4 Prozent.

Das ist kein statistisches Rauschen, sondern ein struktureller Wandel. Kritiker, die vor Arbeitsplatzverlusten gewarnt hatten, werden durch die Daten widerlegt: Der Mindestlohn hatte keine bedeutenden negativen Auswirkungen auf die Arbeitslosigkeit. Die Lohnlücke im Verhältnis zum gesetzlichen Mindestlohn verringerte sich deutlich von 14 Prozent auf 6,9 Prozent. Das zeigt, dass Regulierung die Lohnuntergrenze anheben kann, ohne die Obergrenze einstürzen zu lassen. Genf hat die Messlatte höher gelegt und gezeigt, dass wirtschaftliche Gerechtigkeit und Marktstabilität einander nicht ausschliessen, sondern Partner einer gesunden Wirtschaft sind.

Frauen treiben den wirtschaftlichen Aufschwung voran

Die eigentlichen Gewinnerinnen der fortschrittlichen Genfer Politik sind Frauen, die historisch besonders stark unter der Lohnungleichheit gelitten haben. Die Daten zeigen eine deutliche Korrektur auf dem Arbeitsmarkt: Der Anteil der Löhne von Frauen im Privatsektor, die unter dem Mindestlohn lagen, sank beinahe um die Hälfte, von 10,7 Prozent auf 5,3 Prozent. Bei den Männern ging der Anteil von 5 Prozent auf 3 Prozent zurück. Das macht deutlich, dass zwar alle Arbeitnehmenden profitierten, die Massnahme für weibliche Beschäftigte aber besonders stark ausgleichend wirkte.

Diese Senkung der Löhne von Frauen unter den Mindestlohn um 50 Prozent ist ein wichtiger Schritt hin zur Gleichstellung der Geschlechter in der Schweizer Arbeitswelt. Zu lange wurden die am schlechtesten bezahlten Branchen, in denen oft Frauen tätig sind, zurückgelassen. Der gesetzliche Mindestlohn in Genf hat sich als grobes, aber wirksames Instrument zur Verringerung des geschlechtsspezifischen Lohngefälles erwiesen und in zwei Jahren mehr erreicht als jahrzehntelange freiwillige Unternehmensinitiativen. Er sendet eine starke Botschaft an den Rest des Landes: Lohnschutz ist gelebtes Frauenrecht.

Caritas schlägt Alarm wegen Sparpolitik

Während Genf feiert, bleibt die Lage auf nationaler Ebene düster. Anlässlich ihres 125-jährigen Bestehens nahm die Caritas Schweiz kein Blatt vor den Mund und warf der Politik vor, auf Kosten der Schwächsten einen «sozialpolitischen Stellungskrieg» zu führen. Die Hilfsorganisation warnt, dass Sparmassnahmen die Armen ersticken und die Zahl der Menschen in prekären finanziellen Verhältnissen Jahr für Jahr steigt.

Die Armutsgrenze in der Schweiz wird bereits anhand eines harten Existenzminimums berechnet, das die soziale Teilhabe ausschliesst. Doch selbst diese niedrige Schwelle wird für viele unerreichbar. Steigende Wohnkosten und unablässig hohe Krankenkassenprämien bringen Familien an den Rand ihrer Belastbarkeit. Laut Caritas führt die Armutspolitik ein «Schattendasein» und wird ignoriert, bis es zu spät ist. Das Urteil der Organisation ist vernichtend: Trotz jahrzehntelanger Diskussionen werden Lösungen entweder nicht beachtet oder «halbherzig» umgesetzt. Dadurch fallen Tausende Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz durch die Maschen eines wohlhabenden Systems.

Den Kreislauf der Untätigkeit durchbrechen

Die Zeit des passiven Beobachtens ist vorbei. Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider räumte am Symposium ein, dass die Gesundheitskosten eine Belastung darstellen, und sagte: «Wir können das Wachstum eindämmen.» Die erwähnten Einsparungen des Bundes von 2 Millionen Franken wirken angesichts des systemischen Bedarfs jedoch wie ein Tropfen auf den heissen Stein. Die Revision des Schuldbetreibungsrechts ist ein Anfang. Doch wie die Caritas betont, gefährdet Armut nicht nur das Leben einzelner Menschen, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Die Schweiz steht vor einer Entscheidung. Sie kann am «unhaltbaren» Status quo festhalten und zulassen, dass Schulden und Inflation die Mittel- und Unterschicht zermürben, oder sie kann sich am empirisch belegten Erfolg in Genf orientieren. Eine «Schweiz ohne Armut» ist kein utopischer Traum, sondern eine politische Entscheidung. Wenn ein kantonaler Mindestlohn Tausende aus der Armut trotz Erwerbstätigkeit befreien kann, ohne die Arbeitslosigkeit in die Höhe zu treiben, gibt es bereits einen Plan für eine gerechtere Gesellschaft. Die Frage bleibt: Wird Bern auf die Daten hören oder geht der Stellungskrieg weiter?