Reisen
Neues EU-Grenzsystem führt zu langen Warteschlangen und Reisechaos an Schweizer Flughäfen
Die Einführung des neuen EU-Einreise-/Ausreisesystems (EES) führt an Schweizer Flughäfen bei Passagieren aus Nicht-EU-Staaten zu erheblichen Verspätungen und langen Warteschlangen. Reisende berichten von langen Wartezeiten, während Tourismusverantwortliche vor möglichen weitreichenden Beeinträchtigungen während der Hauptreisezeit im Sommer warnen.

Der Ruf der Schweiz für uhrwerkartige Effizienz steht vor seiner bisher grössten Bewährungsprobe. Die vollständige Einführung des EU-Einreise-/Ausreisesystems (EES) hat die Ankunftshallen in Zürich, Genf und Basel in Orte beispielloser Frustration verwandelt. Seit April 2026 muss sich jede nicht aus dem Schengen-Raum kommende reisende Person einem strengen digitalen Registrierungsverfahren unterziehen, einschliesslich Gesichtsscans und der Erfassung von vier Fingerabdrücken. Während das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) erklärt, das System «funktioniere gut», zeichnet sich vor Ort ein anderes Bild. Passagiere reisen nicht mehr einfach durch, sondern werden in einem digitalen Fahndungsnetz erfasst, das jede einzelne Abfertigung um Minuten verlängert. Der Wechsel von manuellen Passstempeln zu einer zentralen, EU-weiten Datenbank sollte die Sicherheit stärken, hat jedoch eine Kette von Verspätungen ausgelöst, die den Schweizer Tourismus während seiner wichtigsten Saison lahmzulegen drohen. Die Effizienz, die das Schweizer Reiseerlebnis einst auszeichnete, wird der Einhaltung biometrischer Vorschriften geopfert.
Zahlen deuten auf Abwanderung von 41 Millionen Reisenden hin
Erstaunliche 33 Prozent der Reisenden aus den weltweit lukrativsten Märkten, dem Vereinigten Königreich, den USA, Kanada und Australien, warnen, sie würden ihre Europareisepläne aufgeben, falls die Verzögerungen an den Grenzen anhalten. Der World Travel & Tourism Council (WTTC) hat eine alarmierende Prognose veröffentlicht: Bis zu 41 Millionen Ankünfte sind derzeit gefährdet. Für die Schweiz, wo der Tourismus Milliarden zum Bruttoinlandprodukt beiträgt, stellen diese Zahlen eine mögliche wirtschaftliche Katastrophe dar. Britinnen und Briten, die in der Schweizer Ski- und Sommersaison eine wichtige Rolle spielen, reagieren besonders empfindlich auf diese Verzögerungen. 39 Prozent geben an, den Schengen-Raum zu meiden, wenn die Warteschlangen regelmässig länger als drei Stunden sind. Obwohl 87 Prozent der Reisenden erklären, sie nähmen «gewisse Beeinträchtigungen» in Kauf, wenn danach alles reibungsloser ablaufe, wird diese Geduld durch die derzeitigen Wartezeiten von zwei Stunden auf eine harte Probe gestellt. Mehr als die Hälfte aller Reisenden ist nach wie vor gefährlich schlecht informiert: 55 Prozent geben an, kaum oder gar nichts von den EES-Anforderungen gehört zu haben. Diese Informationslücke führt zusammen mit den Engpässen vor Ort zu einer angespannten Lage für die Schweizer Gastgewerbebranche.
Zürich und Genf stossen an die Zwei-Stunden-Grenze
Die Wartezeiten am Flughafen Zürich überschreiten inzwischen häufig eine Stunde, während es in Genf zu «endlosen» Warteschlangen kommt, die zu Spitzenzeiten bis zu 150 Minuten dauern. Das Chaos ist nicht einfach eine Frage des Passagieraufkommens, sondern ein Versagen der Infrastruktur. Reisende wie Pam Windsor, die kürzlich den Flughafen Zürich durchlief, beschreiben eine völlig chaotische Situation, in der selbst Personen, deren biometrische Daten bereits erfasst wurden, wieder in dieselben stockenden Warteschlangen geleitet werden. «Bitte Zürich, bringt das in Ordnung», lautet der Appell erschöpfter Passagiere, die keine klare Route für bereits registrierte Reisende finden. Das Problem verschärft sich, wenn mehrere Langstreckenflüge aus Ländern ausserhalb des Schengen-Raums gleichzeitig landen und die verfügbaren Kioske überlasten. Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz mit Bewilligungen sind zwar ausgenommen, doch die grosse Zahl von Touristinnen, Touristen und Geschäftsreisenden, die sich in der Warteschlange stauen, löst eine weitreichende Überlastung aus, die das gesamte Ökosystem des Flughafens beeinträchtigt. Die von den Behörden beschriebenen «Anfangsschwierigkeiten» sind in den Augen der Öffentlichkeit ein systemisches Versagen, das die Schweizer Behörden bislang nicht angemessen angegangen sind.
Der hohe Preis digitaler Sicherheit
Sicherheit hat ihren Preis, und die Schweiz bezahlt ihn derzeit mit ihrem guten Ruf. Zwar räumen 57 Prozent der Reisenden ein, dass das EES die Sicherheit an den Grenzen verbessert, doch lindert diese Einschätzung kaum den unmittelbaren Stress eines verpassten Anschlusses oder eines verdorbenen Ferienbeginns. Die European Sea Ports Organisation (ESPO) hat bereits «operative Flexibilität» gefordert, im Wesentlichen eine Aussetzung der Kontrollen, um einen vollständigen Stillstand zu verhindern. Eine solche Massnahme wurde am Hafen von Dover bereits ergriffen. Schweizer Flughäfen haben solche Notfallverfahren jedoch noch nicht eingeführt. Die weitere Herausforderung ist ein Balanceakt mit hohem Einsatz: die Integrität der Schengen-Aussengrenze zu wahren und gleichzeitig zu verhindern, dass der «Stresstest» im Sommer zu einer dauerhaften Abschreckung wird. Während die vollständige Einführung weitergeht, wird der Ruf nach Apps zur Vorabregistrierung und mehr Personal immer dringlicher. Die Schweiz muss entscheiden, ob sie bei der Weiterentwicklung dieser digitalen Grenzen eine Vorreiterrolle übernehmen oder ein Engpass im Herzen Europas bleiben will. Die Welt schaut zu, und für Millionen potenzieller Besucherinnen und Besucher hängt die Entscheidung, ihr nächstes Schweizer Abenteuer zu buchen, vom Ergebnis eines biometrischen Scans ab.