Verkehr
Direkte Zugverbindung zwischen der Schweiz und London rückt näher
Die Pläne für eine direkte Bahnverbindung von der Schweiz nach London haben an Dynamik gewonnen, nachdem die Schweizerischen Bundesbahnen, die französische SNCF und Eurostar eine Absichtserklärung unterzeichnet haben, um Fahrpläne und Betriebskonzepte für die grenzüberschreitende Verbindung zu prüfen.

Eine Revolution im europäischen Verkehr nimmt Fahrt auf: Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), die französische SNCF und Eurostar schliessen sich offiziell zusammen, um die Lücke zwischen den Alpen und der Themse zu überbrücken. Diese Woche unterzeichneten die drei Bahnunternehmen eine verbindliche Absichtserklärung und bekräftigten damit ihr beispielloses Engagement für den Aufbau einer direkten Bahnverbindung ohne Umsteigen zwischen der Schweiz und London. Das ist nicht bloss ein Plan, sondern eine strategische Offensive gegen die Kurzstreckenfliegerei. Während Reisende heute mit dem zeitaufwendigen «Pariser Umsteigen» zwischen dem Gare de Lyon und dem Gare du Nord zu kämpfen haben, soll diese neue Allianz den Umweg über die Metro ganz überflüssig machen. Der Schritt folgt auf eine hochrangige zwischenstaatliche Vereinbarung zwischen dem Schweizer Verkehrsminister Albert Rösti und der britischen Verkehrsministerin Heidi Alexander. Damit zeigt sich, dass der politische Wille endlich mit der öffentlichen Nachfrage nach nachhaltiger Mobilität mit hohen Geschwindigkeiten Schritt hält.
Die Sechs-Stunden-Reisezeit unterschreiten
Die Reisezeiten sollen deutlich sinken: Die geplante Direktverbindung soll die Strecke vom Schweizer Finanzzentrum in die britische Hauptstadt in weniger als sechs Stunden zurücklegen. Von Zürich nach London dauert die Fahrt nur 6 Stunden, von Genf lediglich 5,5 Stunden. Am eindrücklichsten ist die mögliche Verkürzung der Reisezeit von Basel, dem Tor zum Rhein, nach St. Pancras International auf nur 5 Stunden. Selbst die effizientesten Verbindungen sind heute durch Sicherheitskontrollen und Transfers quer durch Paris beeinträchtigt, die für stundenlange Ungewissheit sorgen können. Mit der Bündelung dieser Strecken positioniert die SBB die Bahn als starke Konkurrentin der Luftfahrt. Das vorgeschlagene Betriebskonzept sieht vor, die Hochgeschwindigkeitsstrecke vom Flughafen Charles-de-Gaulle zu nutzen, die Engpässe im Zentrum von Paris zu umgehen und einen schnellen Korridor durch die französische Landschaft direkt zum Eurotunnel zu schaffen.
Die grossen Hürden bei der Infrastruktur bewältigen
Trotz der Dynamik steht das Projekt vor einer Reihe erheblicher technischer und bürokratischer Hürden. Die grösste Herausforderung sind die «Einreiseformalitäten», also die strengen Sicherheits- und Passkontrollen an der britischen Aussengrenze ausserhalb des Schengen-Raums. Schweizer Bahnhöfe wie Genève-Cornavin und Zürich HB müssen baulich umfassend angepasst werden, damit dort kontrollierte Einstiegsbereiche nach dem Vorbild von Eurostar eingerichtet werden können. Zudem bleibt das Rollmaterial ein entscheidender Engpass: Die SBB muss Spezialzüge beschaffen, die den strengen Sicherheitsanforderungen des Ärmelkanaltunnels entsprechen und gleichzeitig auf dem französischen TGV-Netz hohe Geschwindigkeiten erreichen. Branchenexpertinnen und -experten warnen, dass die Umsetzung trotz der klaren Vision frühestens in den 2030er-Jahren möglich ist. Diese Vorlaufzeit von rund einem Jahrzehnt ist nötig, um die unterschiedlichen Signalsysteme und Stromnetze der drei Länder aufeinander abzustimmen und sicherzustellen, dass die «Eiserne Seidenstrasse» Westeuropas sicher und reibungslos funktioniert.
Die Schweiz beansprucht ihre Rolle als Verkehrsknotenpunkt Europas zurück
Die Verbindung nach London ist das Glanzstück einer umfassenderen Schweizer Strategie, den europäischen Bahnverkehr zu prägen. Die SBB macht nicht am Ärmelkanal halt, sondern baut ihr Netz gleichzeitig und mit Nachdruck aus: Geplant sind direkte Tagesverbindungen nach Barcelona und Rom sowie die Wiederaufnahme von Nachtzügen nach Amsterdam, Hamburg und sogar bis nach Kopenhagen und Malmö. Während Europa um die Erreichung seiner Klimaziele ringt, investiert die Schweiz verstärkt in ihre Bahninfrastruktur, um ein unverzichtbarer Verkehrsknotenpunkt des Kontinents zu bleiben. Dieser Wandel bedeutet eine grundlegende Veränderung der Schweizer Reisekultur: weg von der Bequemlichkeit der Flughäfen Genf und Zürich, hin zu einem stärker vernetzten, gesamteuropäischen Bahnerlebnis. Die Botschaft aus Bern ist klar: Die Zukunft des Reisens in der Schweiz liegt auf der Schiene und führt mit beispielloser Geschwindigkeit nach Norden.