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Swiss Observer

Boom beim Einkaufstourismus setzt Tessiner Detailhändler unter Druck

Der Einkaufstourismus in Italien hat den wirtschaftlichen Druck auf die Detailhändler im Tessin erhöht. Schätzungen zufolge beläuft er sich auf jährlich bis zu 700 Millionen Franken. Ein Grund dafür ist die Senkung des Mindestbetrags für die Mehrwertsteuerrückerstattung für Einkaufende.

Boom beim Einkaufstourismus setzt Tessiner Detailhändler unter Druck
AISWI swissinfo.ch

Jedes Jahr fliessen der Tessiner Wirtschaft unglaubliche 700 Millionen Franken verloren, weil die Einwohnerinnen und Einwohner in Scharen über die Grenze zu italienischen Supermärkten fahren. Das entspricht einem Anstieg um massive 40 Prozent gegenüber vor gerade einmal fünf Jahren, als der Betrag noch 500 Millionen Franken betrug. Die lokalen Geschäfte konkurrieren nicht mehr nur mit dem Laden um die Ecke. Sie müssen sich gegen ein ganzes internationales Ökosystem behaupten, das darauf ausgelegt ist, Schweizer Franken anzuziehen. Enzo Lucibello, Präsident des Tessiner Verbands der Grossverteiler (Disti), bestätigt, dass italienische Detailhändler für viele Tessiner Haushalte faktisch zu den wichtigsten Versorgern geworden sind. Der Abfluss ist kein Rinnsal, sondern eine Flut, die die Existenzfähigkeit des Detailhandels im Süden der Schweiz bedroht. Der starke Schweizer Franken spielt den lokalen Unternehmen in die Hände der Konsumentinnen und Konsumenten aus, die unmittelbare Einsparungen gegenüber der wirtschaftlichen Gesundheit der Region bevorzugen. Dieser Wandel macht aus der Grenze mehr als eine geografische Linie: Sie wird zu einem finanziellen Vakuum, das dem lokalen Gewerbe die Lebensgrundlage entzieht.

Der Como-Effekt: Steuerrückerstattungen treiben den Boom an

Schweizer Einkaufende dominieren inzwischen die italienische Detailhandelsszene und tätigen in den Grenzregionen satte 61 Prozent aller steuerfreien Einkäufe. Auslöser für den jüngsten Boom war eine drastische Gesetzesänderung am 1. Februar 2024: Italien senkte den Mindestbetrag für die Mehrwertsteuerrückerstattung von 155 auf gerade einmal 70 Euro. Die Auswirkungen waren sofort und deutlich spürbar: Die steuerfreien Einkäufe in Como nahmen um 6 Prozent zu, doppelt so stark wie im italienischen Landesdurchschnitt. Für Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten ist die Rechnung unwiderstehlich. Jede zweite Person nutzt das Tax-Free-Verfahren ausschliesslich für alltägliche Einkäufe im Supermarkt und macht so aus dem gewöhnlichen Lebensmitteleinkauf einen finanziell besonders lohnenden Schachzug. Während Luxusgüterkäuferinnen und -käufer aus Ländern ausserhalb der EU weiterhin die gehobenen Boutiquen besuchen, sorgt die Schweizer Mittelschicht für das hohe Einkaufsvolumen in den Supermärkten. Dieser «Como-Effekt» verschafft italienischen Anbietern einen sich verstärkenden Vorteil: Wer für Milch und Brot über die Grenze fährt, bleibt auch gleich zum Tanken und Essen. Den Schweizer Unternehmen bleibt dann nur der Rest eines bereits geschmälerten Haushaltsbudgets.

Politische Auseinandersetzungen: Der Streit um die Freibeträge

Bern wird für seinen jüngsten Versuch, den Abfluss einzudämmen, von Branchenvertretern als zu wenig und zu spät kritisiert. Ab 2025 halbiert der Bund den Freibetrag für private Einfuhren von 300 auf 150 Franken. Die grossen Tessiner Detailhändler argumentieren jedoch, dass diese Massnahme nicht ausreiche, um das Konsumverhalten zu ändern. Der Branchenverband hatte sich vehement für eine deutlich stärkere Senkung auf 50 Franken eingesetzt. Eine Grenze von 150 Franken ermögliche weiterhin umfangreiche steuerfreie Einkäufe, die die lokalen Preise unterböten. «Italien und die Schweiz spielen in zwei verschiedenen Ligen», warnt Enzo Lucibello und weist damit auf den strukturellen Nachteil hin, mit dem Schweizer Unternehmen konfrontiert sind. Die Frustration ist spürbar: Die Detailhändler müssen gleichzeitig mit einem ungünstigen Wechselkurs, Italiens gezielten Senkungen der Treibstoffabgaben und einem Mehrwertsteuerrückerstattungssystem zurechtkommen, das Einkaufende dafür belohnt, das Land zu verlassen. Ohne entschiedenere Eingriffe bleibt die Grenze eine Einbahnstrasse für Kapital. Die Schweizer Detailhändler fragen sich, ob der Bund die existenzielle Bedrohung für die Südgrenze wirklich versteht.

Überlebensstrategien auf der Hochpreisinsel

Trotz der düsteren Zahlen gibt der Tessin den Kampf nicht auf. Um verlorenen Boden zurückzugewinnen, haben die Behörden kleineren Geschäften in Tourismusregionen zusätzliche Sonntagsöffnungszeiten bewilligt. In einigen Gebieten konnte so der Abfluss erfolgreich gebremst werden. Der übergeordnete Trend bleibt jedoch hartnäckig negativ. Die Realität ist, dass die Schweiz eine «Hochpreisinsel» bleibt. Das italienische «Rundum-Erlebnis» mit günstigen Lebensmitteln, verbilligtem Treibstoff und erschwinglichem Essen ist ein starker Anreiz, dem längere Sonntagsöffnungszeiten allein nichts entgegensetzen können. Mit Blick auf 2025 richtet der Detailhandel den Fokus zunehmend auf digitale Kundenbindung und dienstleistungsorientierte Angebote, die sich jenseits der Grenze nicht ohne Weiteres nachahmen lassen. Die grundlegende Preisdifferenz bleibt jedoch das grosse Problem. Die Zukunft des Tessiner Detailhandels hängt davon ab, ob die lokalen Unternehmen die Einwohnerinnen und Einwohner davon überzeugen können, dass die langfristigen Folgen einer ausgehöhlten lokalen Wirtschaft schwerer wiegen als die kurzfristige Freude über eine günstigere Einkaufsrechnung in Como. Der Druck nimmt zu, und auf dem Spiel stand noch nie so viel.