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Swiss Observer

Der Klimawandel wird in der Schweiz zu einem Nettoanstieg temperaturbedingter Todesfälle führen

Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass steigende Temperaturen in der Schweiz zu mehr hitzebedingten Todesfällen führen werden, wodurch ein möglicher Rückgang der kältebedingten Sterblichkeit mehr als aufgewogen wird.

Der Klimawandel wird in der Schweiz zu einem Nettoanstieg temperaturbedingter Todesfälle führen
AISWI swissinfo.ch

Der beruhigende Mythos, dass mildere Winter genügend Leben retten, um die Gefahren glühend heisser Sommer auszugleichen, ist endgültig widerlegt. Eine neue, massgebliche Studie, die in Nature Medicine veröffentlicht wurde, bestätigt eine beunruhigende Realität für die Schweiz und ihre europäischen Nachbarländer: Der Anstieg der hitzebedingten Todesfälle wird den möglichen Rückgang der kältebedingten Sterblichkeit deutlich übertreffen. Mit steigenden Temperaturen werden die Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit insgesamt überwiegend negativ.

Während frühere Annahmen von einem Ausgleich zwischen den Jahreszeiten ausgingen, zeigt diese umfassende Studie zu 854 Städten in 30 Ländern das Gegenteil. Wir erleben einen grundlegenden Wandel der Sterblichkeitsdynamik auf dem Kontinent. Die Daten zeigen, dass die tödliche Intensität sommerlicher Hitzewellen mit der Beschleunigung des Klimawandels zur vorherrschenden klimabedingten Bedrohung für das menschliche Leben wird. Dabei handelt es sich nicht um ein fernes theoretisches Modell, sondern um eine klare Warnung: Die gesundheitlichen Folgen extremer Hitze überwiegen die Vorteile wärmerer Winter.

Eine düstere Prognose: 2,3 Millionen Menschen in Gefahr

2,3 Millionen. So viele zusätzliche temperaturbedingte Todesfälle werden bis 2099 prognostiziert, falls sich die aktuellen Trends ungebremst fortsetzen. Diese Zahl, die aus einer sorgfältigen Analyse hunderter urbaner Zentren hervorgeht, steht für eine sich anbahnende humanitäre Krise. Das Forschungsteam zeichnet ein düsteres Bild der Zukunft: Vorzeitige Todesfälle infolge thermischer Belastung werden zur Regel statt zur Ausnahme.

Dies ist eine beispiellose Zunahme der klimabedingten Sterblichkeit. Die Studie hat Daten aus ganz Europa sorgfältig erfasst, um zu modellieren, wie der menschliche Körper diesen sich verändernden Extremen erliegt. Auch wenn der Betrachtungszeitraum bis zum Ende des Jahrhunderts reicht, ist die Entwicklung bereits vorgezeichnet. Wir steuern auf eine Zukunft zu, in der urbane Zentren zu Hitzefallen werden und sich die kumulierten Todesfälle mit den grossen Pandemien der Geschichte messen lassen. Das Ausmass dieser Prognose, mehr als zwei Millionen vermeidbare Todesfälle, verlangt sofortige Aufmerksamkeit von Politik und Öffentlichkeit.

Schweizer Städte an vorderster Front

Die Schweiz ist vor dieser Hitzebelastung nicht gefeit. Auch Schweizer Städte wurden in die Studie einbezogen und sind mit derselben tödlichen Rechnung konfrontiert wie der Rest Europas. Die Forschung zeigt, dass die negativen Auswirkungen auf die Gesamtzahl der temperaturbedingten Todesfälle hier bereits sichtbar sind. Unsere Infrastruktur, die historisch darauf ausgelegt ist, während eisiger Alpenwinter Wärme zu speichern, wird bei anhaltenden sommerlichen Hitzewellen zunehmend zum Nachteil.

Besonders gefährdet sind ältere Menschen. Auch wenn die spezifischen Ergebnisse für die Schweizer Kantone dem breiteren europäischen Trend entsprechen, sind die Folgen für unser Gesundheitssystem gravierend. Wir müssen den Zusammenhang zwischen hitze- und kältebedingter Sterblichkeit jetzt verstehen, wie die Forschenden mahnen. Wer diese Entwicklung ignoriert, setzt Tausende Schweizerinnen und Schweizer dem Risiko eines vorzeitigen Todes aus, während unsere Sommer länger, heisser und tödlicher werden.

Die 70-Prozent-Lösung: Handeln ist Pflicht

Das Schicksal ist noch nicht besiegelt. Eine wichtige Erkenntnis der Forschenden ist, dass bis zu 70 % dieser zusätzlichen Todesfälle vollständig verhindert werden können. Dies ist der Lichtblick in einer ansonsten düsteren Prognose: Entschlossene Klimaschutz- und Anpassungsmassnahmen wirken. Ob es zu einem katastrophalen Verlust an Menschenleben oder zu einer bewältigbaren Herausforderung für die öffentliche Gesundheit kommt, hängt von den Entscheidungen ab, die wir heute treffen.

Anpassung ist nicht länger freiwillig, sondern überlebenswichtig. Von mehr Grünflächen in unseren Städten bis zur Überarbeitung der Notfallpläne für Hitzewellen: Die nötigen Mittel sind vorhanden, um nahezu drei Viertel der prognostizierten Opfer zu retten. Die Wissenschaft ist eindeutig: Wir können eine Zukunft mit Millionen zusätzlichen Todesfällen hinnehmen oder uns dafür einsetzen, die besonders gefährdeten Menschen zu schützen. Das Zeitfenster für wirksames Handeln ist offen, schliesst sich aber rasch.